Tag 4
- anetteirsfeld
- 5. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Tag 4 – Märchenhaftes Samarkand und ein Tag voller Gegensätze
Donnerstag, 28.05.2026
Der Vormittag gehörte noch einmal ganz Samarkand. Wir besichtigten weitere bedeutende Stätten der Stadt, darunter die beeindruckende Nekropole Schah-e-Sinda mit ihren türkisblauen Mausoleen, die wie ein Band aus Keramik und Geschichte den Hügel hinaufziehen. Es ist einer jener Orte, an denen man kaum weiß, ob man mehr von der Architektur oder von der Atmosphäre beeindruckt sein soll.
Unsere Reiseleiterin Irina verstand es wieder hervorragend, die Geschichte lebendig werden zu lassen. Die Geschichten über Timur, seine Nachfolger und die Blütezeit Samarkands machten deutlich, warum diese Stadt einst zu den bedeutendsten Zentren der islamischen Welt gehörte. Die berühmte Gräberstraße mit ihren 16 Mausoleen, den verschieden blauen und türkisen Fliesen und der atemberaubenden Atmosphäre wird einer der nachhaltigsten Eindrücke dieser Reise bleiben. Die nach Timurs Indienfeldzug für seine Lieblingsfrau errichtete Moschee Bibi-Chanum war damals eine der größten Moscheen der islamischen Welt. Das 1420 errichtete Ulugbek-Observatorium war damals mit einem Sextanten ausgestattet, der zu den größten astronomischen Instrumenten der Welt gehörte. Ulugbek war Astronom, Mathematiker und Herrscher und sein Sternenkatalog ist fast identisch mit unserem heutigen. Dann ging es noch in die ursprüngliche antike Stadt Samarkand "Afrasiab", die vor mehr als 2500 Jahren gegründet wurde, die von Dschingis Khan zerstört wurde. Heute gibt es ein Museum mit Ausgrabungen, Wandmalereien usw.
Am Nachmittag hatten wir Freizeit. Irina organisierte für einige von uns die Möglichkeit, mit einem Taxi ins Serafschan-Gebirge zu fahren. Die Idee klang wunderbar: Natur, kleine Dörfer, etwas Abwechslung zum Besichtigungsprogramm und vielleicht ein Blick auf das ländliche Leben Usbekistans.
Die Realität sah allerdings etwas anders aus.
Eigentlich sollte die Fahrt etwa 40 Minuten dauern. Doch da gerade das Opferfest gefeiert wird, war gefühlt das halbe Land unterwegs. Aus 40 Minuten wurden fast zwei Stunden. Die Straßen in den Bergen waren verstopft mit Autos, Familien, Picknickgruppen und Ausflüglern.
Überall standen Menschen am Straßenrand, grillten und feierten. Vor großen Restaurants brannten offene Feuer, auf denen ganze geschlachtete Tiere zubereitet wurden. Es erinnerte teilweise an die riesigen Familienrestaurants, wie man sie auch aus einigen arabischen Ländern kennt.
Unser Fahrer war Tadschike und sprach leider weder Englisch noch Deutsch. Zu Beginn half uns noch Google Translate weiter, doch in den Bergen verschwand das Mobilfunknetz. Danach wurde die Kommunikation zunehmend schwierig. Mehrfach hielt er irgendwo an und bedeutete uns auszusteigen. Einmal sollten wir offenbar ein Dorf besichtigen – nur war dort kein Dorf. Ein anderes Mal landeten wir auf einem Markt.
Im Nachhinein war das vielleicht sogar der interessanteste Teil des Ausflugs. Auf dem Markt sprach zunächst niemand Englisch, bis wir einen jungen Verkäufer fanden, der sich mit uns unterhalten konnte. Er war unglaublich freundlich und half uns beim Kauf von Gewürzen und Tee. Solche kleinen Begegnungen bleiben oft länger in Erinnerung als die großen Sehenswürdigkeiten.
Anschließend hielten wir in einem riesigen Restaurantkomplex. Die beiden älteren Damen, mit denen wir unterwegs waren, hatten Hunger, und wir versuchten dort etwas zu essen. Das erwies sich jedoch als schwierig. Hier bestellt man nicht einzelne Gerichte, sondern bekommt meist das serviert, was die Küche gerade anbietet – Gang für Gang. Wir wollten eigentlich nur eine Kleinigkeit, doch das Konzept verstand niemand so recht, und wir verstanden umgekehrt vieles ebenfalls nicht.
Die Stimmung wurde zunehmend anstrengend. Dazu kamen einige Spannungen innerhalb unserer kleinen Ausflugsgruppe, die den Nachmittag nicht gerade angenehmer machten.
Letztlich konnten wir weder wandern noch die Berge wirklich erkunden. Nach kurzer Zeit stiegen wir wieder ins Taxi und fuhren zurück nach Samarkand. Ehrlich gesagt war der Ausflug eine Enttäuschung. Vielleicht hätten wir an einem normalen Wochentag ein ganz anderes Erlebnis gehabt, aber das Opferfest verwandelte die Bergregion an diesem Tag eher in ein riesiges Ausflugsgebiet als in einen Ort der Ruhe und Natur.
Zurück in Samarkand unternahm ich später noch einen Spaziergang durch das russische Viertel der Stadt. Dort zeigte sich eine ganz andere Seite Samarkands. Breite Alleen, riesige Bäume und unglaublich viel Grün prägen das Stadtbild. Überhaupt fällt auf, wie sauber und gepflegt die Städte hier wirken. Ebenso angenehm ist die zurückhaltende Art der Menschen. Niemand spricht einen ständig an, niemand drängt zum Kauf von Souvenirs, selbst auf den Märkten bleibt alles erstaunlich entspannt.
Am Abend waren wir bei einer Familie zum Essen eingeladen. Wobei „Familie“ inzwischen fast schon ein größeres Touristen-Unternehmen beschreibt. Das große Haus mit Innenhof ist auf Reisegruppen spezialisiert. Im Innenbereich könnten vermutlich hundert Gäste gleichzeitig bewirtet werden. Trotzdem war es ein schöner Abend mit vielen typisch usbekischen Speisen und einer angenehmen Atmosphäre.
Später standen wir noch auf dem Registanplatz und erlebten die farbenprächtige Lasershow, die die Geschichte Samarkands auf die berühmten Fassaden projiziert. Die beleuchteten Medresen bildeten eine beeindruckende Kulisse.
Doch während all dieser Eindrücke war ich mit meinen Gedanken immer wieder zu Hause.
Während wir unterwegs waren, hatte meine Freundin meinen Kater Artus zum Tierarzt begleitet. Ein Gespräch mit der Tierärztin ergab, dass jede weitere Behandlung nur Quälerei wäre. So musste ich eine Entscheidung treffen, die jeder Tierhalter irgendwann fürchtet. Ich habe mich entschieden, Arthus gehen zu lassen. Wie gut, dass meine Freundin blieb ihm blieb und ihn im Arm hielt, bis er einschlief.
Als wir später vom Registanplatz zurück zum Hotel gingen, fühlte sich dieser Abend plötzlich ganz anders an. Zwischen all der Schönheit Samarkands lag eine große Traurigkeit.
Vielleicht ist Arthus jetzt irgendwo dort, wo auch Jazzie und all die anderen Tiere sind, die uns ein Stück unseres Lebens begleitet haben.
Und vielleicht gehört auch das zum Reisen: Dass man nicht nur neue Orte entdeckt, sondern manchmal aus großer Entfernung Abschied nehmen muss.
Mein Moment des Tages:
Der kleine Markt in den Bergen mit dem freundlichen Jungen, der uns half, Tee und Gewürze zu kaufen.
Was bleibt von diesem Tag?
Nicht jede Reise besteht nur aus schönen Erlebnissen. Manche Tage erzählen gleichzeitig von fremden Ländern, menschlichen Begegnungen und persönlichen Abschieden. Gerade deshalb bleiben sie oft besonders lange in Erinnerung.




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