Tag 7
- anetteirsfeld
- 5. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Juni
Buchara
Zwischen orientalischer Pracht und einem sehr besonderen Hamam
Heute stand die Sommerresidenz des letzten Emirs auf dem Programm. Erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, ist dieser gut erhalten samt Gartenanlage und Pfaue. Der russische Einfluss ist hier sichtbar. Die weitläufige Begräbnisanlage Tschor Bakr verströmt eine sehr spirituelle Energie. Es handelt sich um vier Sayyiden, direkte Nachkommen des Propheten. Die Gräberstätte stammt aus dem 10. Jahrhundert.
Die Tschor Minor Medrese ist mit ihren vier Türmen das bekannteste Wahrzeichen Bucharas.
Der heutige Nachmittag stand zur freien Verfügung. Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage entschied ich mich, die Gelegenheit zu nutzen und einen traditionellen Hamam zu besuchen. Das Hamam lag direkt gegenüber unserem Hotel – keine zehn Meter entfernt – und versprach eine typisch orientalische Erfahrung. Bekommen habe ich tatsächlich eine Erfahrung, allerdings ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte.
Schon beim Betreten wurde klar, dass es etwas werden würde als ich es mir vorgestellt habe. Der Umkleidebereich war schlicht und klein, Weibliche Therapeutinen waren keine da. Hier massieren junge Männer sowohl Frauen als auch Männer. Das Hamam besteht aus großen heißen Steinplatten. Ohne Unterlage nur mit einem Handtuch legt man sich direkt auf den warmen, nassen Steine. Gemütlich ist anders – die Steine sind hart, feucht und sehr heiß. Gemeinsam mit anderen Frauen lag ich dort und wartete auf den nächsten Schritt des Rituals.
Dann begann die eigentliche Prozedur: Mit einer großen Schüssel Wasser wurde man übergossen, anschließend mit einem groben Peelingschwamm kräftig abgeschrubbt. Danach folgte eine ebenso energische Haarwäsche. Sanftheit gehört offensichtlich nicht zur Philosophie dieses Hamams.
Besonders überrascht war ich von der anschließenden Massage. Hier wird nicht vorher gefragt, ob gesundheitliche Einschränkungen bestehen. Die Behandlung erinnert eher an eine Mischung aus Massage und Chiropraktik. Da ich aufgrund meiner Vorgeschichte mit der Halswirbelsäule vorsichtig bin, habe ich sofort deutlich gemacht, dass ich bestimmte Griffe nicht möchte. Das wurde akzeptiert. Dennoch wurde der gesamte Körper sehr kräftig bearbeitet – nichts für empfindliche Gemüter.
Nach der Massage und mehreren Wassergüssen wurde eine Ingwerpaste auf Gelenke und bestimmte Körperpartien aufgetragen. Zusammen mit der Hitze der Steine entwickelte sich eine enorme Wärme. Irgendwann hatte ich das Gefühl, innerlich zu kochen. Als dann endlich die Dusche kam, war das fast eine Erlösung.
Zum Abschluss setzte man sich auf eine Bank in einem Ruheraum. Dort bekam ich einen angenehm würzigen Tee serviert, während mir Rosenwasser ins Gesicht gesprüht wurde. Dieser letzte Teil war wunderbar entspannend und bildete einen schönen Kontrast zur Intensität der vorherigen Behandlung.
Nach etwa 45 Minuten war alles vorbei. Für umgerechnet rund 40 Dollar war das sicherlich kein Schnäppchen, besonders nach usbekischen Maßstäben. Trotzdem bereue ich den Besuch nicht. Es war keine Wellnessbehandlung, sondern eine kulturelle Erfahrung. Und genau deshalb reist man schließlich: um Dinge kennenzulernen, die ganz anders sind, als man sie erwartet hat.
Zurück im Hotel gönnte ich mir erst einmal eine kleine Pause. Liegen oder Ruhebereiche gab es im Hamam nicht, aber mein Zimmer war heute der perfekte Ort, um die vielen Eindrücke der letzten Tage nachwirken zu lassen.

Heute Abend gab es dann endlich das viel gerühmte usbekische Nationalgericht Plow umgeben von Teppichen und Susannis in einem familiengeführten Großbetrieb mit klimatisierten Räumlichkeiten und quietschbunten Tischläufern und einer kurzen Kochvorführung. Für mich in der vegetarischen Variante.

Plov (auch Osh genannt) ist das Nationalgericht Usbekistans und viel mehr als nur ein Reisgericht. Es ist ein Symbol für Gastfreundschaft, Familie und Gemeinschaft.
Die klassischen Zutaten: Reis, Lammfleisch (manchmal Rindfleisch), Karotten (oft gelbe und orange gemischt), Zwiebeln, Pflanzenöl oder Schafsfett, Knoblauchknollen (im Ganzen mitgekocht), Kreuzkümmel (Cumin), Berberitzen oder Rosinen (je nach Region)
Je nach Anlass kommen hinzu: Kichererbsen, Wachteleier, gekochte Eier, Quitten, Trockenfrüchte
Wie wird Plov zubereitet?
Traditionell kocht man ihn in einem riesigen Eisenkessel, dem Kasan.
Zuerst werden Fleisch und Zwiebeln angebraten, dann Karotten hinzugefügt. Anschließend kommen Gewürze, Knoblauch und schließlich der Reis darüber. Der Reis wird nicht umgerührt, sondern gart langsam im aromatischen Sud.
Ein guter Plov soll locker sein – die Reiskörner dürfen nicht zusammenkleben.
Wann wird Plov serviert?
In Usbekistan gibt es praktisch keinen wichtigen Anlass ohne Plov:
Hochzeiten, Geburtstage, Beschneidungsfeiern, Beerdigungen, religiöse Feiertage
Familienfeste, geschäftliche Einladungen
Viele Usbeken sagen:
„Wenn kein Plov serviert wird, war es kein richtiges Fest.“
Der berühmte Plov-Donnerstag
Donnerstag ist traditionell Plov-Tag (siehe dazu extra Blog "Badetag")
Früher wurde in vielen Familien und Betrieben donnerstags gemeinsam Plov gekocht. Der Freitag ist im Islam der wichtigste Wochentag, daher trafen sich Familien am Vorabend zu einem besonderen Essen. Dazu gibt es den bekannten usbekischen Scherz:
„Am Donnerstag gibt es Plov – und am Freitag sieht man, ob der Plov gut war.“
Irina hat das vermutlich mit einem Augenzwinkern auf die traditionellen ehelichen Pflichten bezogen. Solche humorvollen Geschichten gehören in Usbekistan fast genauso zum Plov wie der Reis selbst.



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